joch@gebetsfahnen

Das Leben, das uns trägt

Warum dieses Menschsein eine seltene Gelegenheit ist

Im vorherigen Blog-Artikel ging es um die Buddha-Natur: um die Möglichkeit des Erwachens, die in jedem Wesen angelegt ist.

Doch ein Potenzial allein genügt nicht.

Eine Saat braucht Erde, Wasser und Licht.
Ein Instrument muss gestimmt werden, bevor es klingen kann.
Und auch der Weg der inneren Freiheit braucht Bedingungen, unter denen wir ihn überhaupt gehen können.

Im Buddhismus wird unser gegenwärtiges menschliches Leben deshalb manchmal als kostbare menschliche Existenz bezeichnet. Nicht, weil ein Mensch mehr wert wäre als andere Wesen. Sondern weil hier etwas Seltenes zusammenkommt: Wir können innehalten. Wir können verstehen. Wir können unser Handeln prüfen. Und wir können eine neue Richtung wählen.

Das ist nicht selbstverständlich.

Mehr als nur Mensch sein

Die tibetisch-buddhistische Tradition beschreibt das kostbare menschliche Leben anhand von acht Freiheiten und zehn Begünstigungen. Diese Begriffe klingen zunächst etwas abstrakt. Gemeint ist aber etwas sehr Konkretes: die Freiheit von Umständen, die uns völlig in Not, Verwirrung oder Ablenkung binden – und das Vorhandensein von Bedingungen, die Lernen und Praxis möglich machen.

Zu den Freiheiten gehört zum Beispiel, nicht in einem Zustand überwältigenden Leidens, unstillbarer Bedürftigkeit oder ständiger Angst gefangen zu sein. Auch ein Leben, das nur von Überleben, Gewalt oder Unwissen geprägt ist, lässt kaum Raum für die Frage: Wie möchte ich leben? Was führt wirklich zu Frieden?

Die Begünstigungen sind die positiven Seiten dieser Gelegenheit: ein menschlicher Körper und ein Geist, mit denen wir verstehen können; Zugang zu Lehren, Menschen und Gemeinschaften; und die Fähigkeit, Vertrauen, Unterscheidungsvermögen und Mitgefühl zu entwickeln.

Man muss nicht jede traditionelle Aufzählung Punkt für Punkt erfüllen, um diesen Gedanken zu verstehen. Entscheidend ist die Frage:

Welche Bedingungen in meinem Leben ermöglichen es mir gerade, bewusster, freundlicher und freier zu werden?

Vielleicht ist es eine stille halbe Stunde am Morgen.
Vielleicht ein Körper, der Bewegung erlaubt.
Vielleicht ein Buch, ein Gespräch oder eine Lehrerin, die uns eine neue Perspektive eröffnet.
Vielleicht auch eine Krise, die uns nicht mehr weiterschlafen lässt.

Vieles davon nehmen wir erst wahr, wenn es fehlt.

Die blinde Schildkröte

Es gibt ein klassisches Bild, das mich nicht nur berührt, sondern auch etwas meine Gehirnwindungen durcheinander wirbelt, weil der Kontext so schwer zu greifen ist.

Stell dir vor, die ganze Erde wäre von einem riesigen Ozean bedeckt. Auf seiner Oberfläche treibt ein hölzernes Joch mit einem einzigen Loch. Wind und Wellen bewegen es unablässig in alle Richtungen.

Tief unten lebt eine blinde Schildkröte. Nur einmal in hundert Jahren taucht sie an die Oberfläche.

Wie wahrscheinlich wäre es, dass sie genau dann auftaucht, wenn das Joch über ihr schwimmt – und ihren Kopf durch dieses eine Loch steckt?

Unvorstellbar selten.

Die buddhistischen Lehren sagen: Ein menschliches Leben, das Freiheit und Zugang zum Dharma verbindet, sei noch schwieriger zu erlangen.

Das Bild will uns nicht klein machen. Es will auch keine Angst erzeugen. Es ist eine Einladung zum Wachwerden.

Wir leben leicht so, als hätten wir unbegrenzt Zeit. Noch ein Termin. Noch eine Ablenkung. „Ich warte noch dieses Jahr ab, dann kümmere ich mich aber wirklich um das, was wirklich zählt.“ Doch wenn wir ehrlich sind, wissen wir nicht, wie viele klare, offene und handlungsfähige Tage uns bleiben.

Ich kenne diese Verschiebung gut: Man möchte sich Zeit für Meditation nehmen, einen Konflikt klären, wieder mehr Taiji üben oder einfach einmal still werden. Und dann scheint immer etwas Dringenderes dazwischenzukommen.

Gerade deshalb ist dieses Gleichnis so kraftvoll. Es geht nicht darum, ob du schon genug geleistet hat. Es fragt: Was möchtest du mit dieser seltenen Gelegenheit anfangen?

Kostbar heißt nicht perfekt

Vielleicht denkst du jetzt: Mein Leben fühlt sich aber gar nicht besonders kostbar an. Es ist anstrengend, unübersichtlich oder voller Sorgen.

Das ist verständlich. Ein kostbares menschliches Leben ist keine Behauptung, dass alles leicht sein müsste. Es bedeutet auch nicht, dass wir dankbar lächeln sollen, wenn etwas schmerzt.

Kostbar ist dieses Leben, weil es selbst mitten in seiner Unvollkommenheit einen Spielraum enthält.

Wir können bemerken, dass wir leiden.
Wir können nach den Ursachen schauen.
Wir können um Hilfe bitten.
Wir können üben, nicht jeden Impuls sofort in Handlung zu verwandeln.

Im Taiji wird das für mich sehr körperlich erfahrbar. Wenn ich unter Druck stehe, möchte der Körper oft schneller, härter und enger werden. Doch manchmal gibt es diesen kleinen Moment: die Füße spüren, den Atem wahrnehmen, die Schultern sinken lassen. Die äußere Situation ist nicht sofort gelöst. Aber der nächste Schritt entsteht nicht mehr ausschließlich aus Anspannung.

Vielleicht ist das eine bescheidene Form dessen, worauf die Lehren hinweisen: Wir besitzen die Möglichkeit, nicht völlig von Gewohnheit fortgetragen zu werden.

Das Boot nicht am Ufer liegen lassen

Der Buddha-Weg vergleicht das menschliche Leben mit einem Boot, das uns über den Fluss des Leidens tragen kann. Ein Boot ist keine Garantie dafür, dass wir das andere Ufer erreichen. Aber ohne einzusteigen, bleibt es am Ufer liegen.

Auch unser Leben ist ein solches Fahrzeug. Es ist begrenzt, verletzlich und nicht für immer verfügbar. Gerade darum muss daraus kein hektisches spirituelles Projekt werden.

Es geht nicht darum, jede Minute perfekt zu nutzen oder sich mit großen Idealen zu überfordern. Das wäre nur eine neue Form von Druck.

Es geht darum, das Wesentliche nicht immer wieder zu vertagen.

Eine ehrliche Entschuldigung kann Praxis sein.
Fünf Minuten Stille können Praxis sein.
Den eigenen Körper nicht nur als Werkzeug zu behandeln, kann Praxis sein.
Einem Menschen wirklich zuzuhören, kann Praxis sein.

Wenn wir unser Leben so betrachten, wird der Alltag nicht zum Hindernis des Weges. Er wird zu seinem Ort.

Eine kleine Übung der Wertschätzung

Nimm dir heute ein paar Minuten Zeit und frage dich:

  • Welche Freiheit oder Unterstützung in meinem Leben übersehe ich oft?
  • Wo habe ich tatsächlich die Möglichkeit, eine heilsame Richtung einzuschlagen?
  • Was wäre ein kleiner, realistischer Schritt, den ich heute tun kann?

Schreibe nur eine Antwort auf. Nicht zehn Vorsätze. Nicht den perfekten Plan.

Vielleicht lautet sie: Heute gehe ich zehn Minuten ohne Handy spazieren.
Vielleicht: Ich setze mich vor dem Schlafen für drei Atemzüge hin.
Vielleicht: Ich melde mich bei dem Menschen, dem ich ausweiche.

Die Größe der Handlung ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass wir die Gelegenheit erkennen und ihr eine Form geben.

Der Wendepunkt ist jetzt

Die grundlegenden Lehren des Vajrayana Buddhismus sind an dieser Stelle erstaunlich direkt. Sie erinnern uns daran, dass dieses Leben nicht nur dazu da ist, angenehm durchzukommen. Es kann ein Wendepunkt sein.

Wir müssen nicht erst zu einem anderen Menschen werden, bevor wir beginnen dürfen. Wir müssen auch nicht auf ruhigere Zeiten warten.

Dieses Leben ist da.
Dieser Atemzug ist da.
Diese Möglichkeit zu sehen, zu fühlen und neu zu wählen, ist da.

Das ist keine Kleinigkeit.

Vielleicht haben wir das seltene „Joch der Schildkröte“ schon getroffen. Nicht als Grund für Stolz, sondern als Grund für Mitgefühl – für uns selbst, für andere und für die Zeit, die uns geschenkt ist.

Im nächsten Artikel geht es um einen Gedanken, der diese Wertschätzung noch vertieft: die Unbeständigkeit. Als Erinnerung daran, dass das Leben gerade deshalb lebendig und kostbar ist, weil es sich wandelt.


Für diesen Artikel habe ich mich neben meinen eigenen Erfahrungen und Mitschriften von folgenden Werken inspirieren lassen und kann sie allen empfehlen, die tiefer in die Grundlagen des tibetischen Vajrayana Buddhismus eintauchen möchten:

  • Gampopa: The Jewel Ornament of Liberation, übers. Khenpo Konchog Gyaltsen Rinpoche, Snow Lion, 1998
  • Patrul Rinpoche: The Words of My Perfect Teacher, übers. Padmakara Translation Group, Shambhala, 1998