Atemrand

Atemrand

über die Schwelle zwischen dem, was wir festhalten wollen, und dem, was sich nicht halten lässt.

Ich kann den Himmel nicht mehr sehen.
Etwas hat mich gelöst aus der Naht der Welt.
Zurück bleibt ein schwarzer Raum im Mund der Zeit.
Wer sieht, wenn das Sehen zerfällt?
Wer hört, wenn die Stimmen versiegen?

Die Sterbenden blühen auf –
Nachtblumen am Rand eines salzigen Ozeans.

Die Lebenden –
zerfasert im Wind ihrer Namen.
Sie tragen Tage wie nasse Kleider.
Hinten hängen ihre Dämonen,
nagend, lautlos.

Wer schweigt,
wenn selbst die Stille laut wird?
Wer fällt,
wenn das Fallen selbst ermüdet?

Der Schweigende steht im Himmel des Nichts.
Ein Blick wie ein leergetrunkener Brunnen.
Das Blau: zerschnitten –
zu dunklen Tränen ohne Ufer.

Doch wer fragt, ohne zu fliehen?
Wer hält den Blick auf das, was zerfällt,
ohne sich selbst zu verlieren?

Sag –
wenn alles vergeht,
wer nennt es Verlust?
Wenn nichts bleibt,
wer zählt das Nichts?

Ein Blatt löst sich vom Kalender der Knochen.
Leise. Fast gnädig.
So nah ist der Tod dem Atem,
dass du ihn übersiehst im Geräusch deiner Wünsche.

Der Atem kommt.
Der Atem geht.
Wer zählt ihn?
Wer verliert ihn?
Wer hält ihn?

Und doch –
unter der Asche der Angst
glimmt etwas,
das nicht verbrennt.

Nicht Name.
Nicht Form.
Ein offenes Feld,
das dich sieht, während du vergehst.

Vielleicht ist dies die zarte Wahrheit:
Dass das Ende kein Abgrund ist,
sondern ein Durchgang ohne Besitzer.

Und wenn du fragst,
wenn du zweifelst,
wenn du trauerst –
bist du schon jetzt
einen Schritt jenseits
deiner eigenen Spur.


🌑 Meditativer Kommentar zu „Atemrand“

Dieses Gedicht bewegt sich an einer Schwelle. Nicht zwischen Leben und Tod als Gegensätzen, sondern zwischen dem, was wir festhalten wollen, und dem, was sich nicht halten lässt.

Die Bilder sprechen nicht von einem Ende, sondern von einem allmählichen Durchlässigwerden. Der „schwarze Raum im Mund der Zeit“ ist das Auflösen der Gewissheiten, an denen wir uns orientieren.

Die Sterbenden blühen auf, weil etwas von ihnen bereits loslässt. Die Lebenden leiden, weil sie noch tragen, was längst im Fallen ist.

Die Fragen sind keine Forderungen nach Antworten. Sie sind Öffnungen. Jede „Wer“-Frage führt dich näher an den Punkt, an dem das Ich nicht mehr greifen kann, was es zu verstehen versucht.

Und genau dort – wo das Greifen nachlässt – beginnt eine andere Form von Sehen.

Vielleicht ist das, was „nicht verbrennt“, kein verborgenes Etwas, sondern die einfache Tatsache, dass Gewahrsein nicht versiegt, auch wenn alles Erscheinende vergeht.

Das Gedicht lädt nicht dazu ein, den Tod zu erklären. Es lädt dazu ein,
ihm einen Moment lang nicht auszuweichen.

Chris Nivata

Meditations-Impuls: Eine Einladung zur Meditation mit Anleitung findest du auf meinem Telegram-Kanal
Wie Gebetsfahnen im Wind.