Lojong Diamant

Die acht Verse der Geistesschulung – Die Kunst der radikalen Herzsöffnung

WARNUNG! Der Text und die damit verbundenen Übungen wurden früher geheim gehalten und können zu Missverständnissen und Depressionen führen, wenn man sie nicht im buddhistischen Kontext von Bodhichitta (Mitgefühl und Weisheit) versteht. Bitte lies den Text mit einem offenen Geist.

Die „Acht Verse der Geistesschulung“ (tib.: Lojong Tsik Gyema) von Geshe Langri Thangpa sind ein Herzstück des tibetischen Buddhismus. Geshe-La war ein Meister der Kadampa-Tradition, der sein Leben der Praxis des radikalen Mitgefühls widmete.

Da der Text im Original sehr verdichtet ist, habe ich zunächst eine präzise deutsche Übersetzung erstellt und darauf basierend eine moderne Interpretation formuliert, die den Kern der Lehre in heutiger Sprache etwas näher bringt.

1. Das Juwel im Anderen

Möge ich alle Lebewesen stets als kostbarer erachten als ein wunscherfüllendes Juwel, mit der Absicht, das höchste Wohl zu erreichen.

Betrachte jedes Lebewesen als eine unerschöpfliche Quelle für dein spirituelles Erwachen. Sie sind kostbarer als jeder materielle Wunsch, denn nur durch sie kannst du das höchste Ziel der Erleuchtung verwirklichen. Ohne andere kannst du keine Qualitäten wie Geduld, Großzügigkeit oder Mitgefühl entwickeln.

2. Die Praxis der Demut

Wann immer ich mit anderen zusammen bin, möge ich mich selbst als den Geringsten von allen betrachten und andere aus tiefstem Herzen als das Höchste wertschätzen. 

Begegne der Welt ohne den Schutzschild deines Stolzes. Wenn du dich selbst als den Geringsten betrachtest, öffnest du den Raum, wo du die Fixierung auf dein Ich lösen kannst und deinem Ego die Nahrung entziehst.


3. Der Blitz der Achtsamkeit

Möge ich in all meinen Handlungen meinen Geist prüfen, und sobald störende Emotionen aufkommen, die mich oder andere schädigen, möge ich sie mutig und sofort abwehren.

Sei ein unbestechlicher Wächter an der Pforte deines Geistes. Sobald eine Emotion wie Wut oder Gier aufsteigt, die dein Karma oder das Wohl anderer vergiftet, stoppe sie augenblicklich mit der Kraft der Selbsterkenntnis.


4. Den Schatten umarmen

Wenn ich Wesen begegne, die von negativen Impulsen getrieben oder von tiefem Leid gezeichnet sind, werde ich mich nicht abwenden, sondern sie wie einen seltenen, kostbaren Schatz behandeln, der schwer zu finden ist. 

Wenn du Menschen triffst, die in Negativität oder tiefem Leid gefangen sind, wende dich nicht ab. Sieh in ihnen eine seltene Gelegenheit, Geduld und wahres Mitgefühl zu üben – wie einen Schatz, der im Verborgenen liegt.


5. Das Ego opfern

Wenn andere mich aus Neid ungerecht behandeln, mich beschimpfen oder verleumden, möge ich die Niederlage auf mich nehmen und den Sieg den anderen überlassen. 

Übe dich darin, den Drang nach Rechtfertigung loszulassen. Wenn Unrecht und Verleumdung dich treffen, nimm die „Niederlage“ auf dich und schenke den Sieg dem anderen. Das bricht die Macht deines Egos.


6. Der Feind als Lehrer

Selbst wenn jemand, dem ich geholfen und in den ich große Hoffnung gesetzt habe, mich ungerechtfertigt schwer verletzt, möge ich ihn als meinen heiligen Lehrer ansehen. 

Wenn jemand, dem du vertraut hast, dich tief verletzt, reagiere nicht mit Bitterkeit. Betrachte diese Person als deinen strengsten und wertvollsten spirituellen Lehrer, der dich lehrt, was bedingungslose Geduld bedeutet.


7. Der große Austausch (Tonglen)

Kurz gesagt: Möge ich allen Müttern (allen Wesen) direkt oder indirekt alles Glück und Wohl darbringen und all ihr Leid und ihren Schmerz im Geheimen auf mich nehmen. 

Atme das Leid der Welt ein und schenke deinen Frieden aus. Gib all deine Freude und dein Glück direkt an alle Wesen weiter und nimm ihre Schmerzen im Stillen in dein eigenes Herz auf.


8. Erwachen aus der Illusion

Möge dies alles unbefleckt bleiben von den acht weltlichen Belangen, und möge ich durch das Verständnis, dass alle Dinge wie eine Illusion sind, und mich so aus der engen Fixierung auf eine scheinbare Realität befreien. 

Lass all diese Übungen unberührt von weltlichem Stolz oder dem Wunsch nach Anerkennung. Erkenne, dass alle Phänomene wie ein Traum oder eine Illusion sind – so löst du die Ketten der Anhaftung und wirst wahrhaft frei.

Anmerkung:

Die acht weltlichen Belange (tibetisch: Jigten Chögye), die in Vers 8 des Textes erwähnt werden, beschreiben die typischen emotionalen Reaktionen, die uns an den Kreislauf von Leiden und Fixierung binden.

Kernbotschaft: Wahre spirituelle Freiheit entsteht, wenn unser innerer Frieden nicht mehr von diesen acht äußeren Umständen abhängt.

Es handelt sich dabei um vier Paare von gegensätzlichen Anhaftungen und Abneigungen, die unseren Geist unruhig machen, solange wir nach Bestätigung durch die Außenwelt suchen:

  1. Gewinn (Freude, wenn wir etwas bekommen) und Verlust (Leid, wenn wir etwas verlieren).
  2. Vergnügen (Hinterherjagen nach angenehmen Empfindungen) und Schmerz (Angst vor Unangenehmem).
  3. Lob (Sucht nach Anerkennung und Komplimenten) und Tadel (Furcht vor Kritik oder Vorwürfen).
  4. Ruhm/Status (Wunsch nach Bedeutung und gutem Ruf) und Schande/Ignoranz (Angst davor, herabgesetzt oder übersehen zu werden).

Der Text lehrt, dass diese acht Belange wie „Dreck“ oder „Trübung“ wirken, da sie uns daran hindern, die Dinge als das zu sehen, was sie sind: Vorübergehend und wie eine Illusion. Das Ziel der Geistesschulung ist es, eine Gleichmut zu entwickeln, die von diesen äußeren Umständen unberührt bleibt.