Vielleicht ist das der Anfang.

GenX – Aufgewachsen in fremder Angst

Wir haben in der Physikstunde berechnet, wie weit man vom Einschlag entfernt sein muss, um nicht sofort zu sterben. Und wie weit, damit einen der Fallout nicht langsam auffrisst.

Wir waren vierzehn. Es war ein Dienstagnachmittag.

„Wir sterben eh bald alle aus.“

Niemand fragte, was mit einer Welt nicht stimmt, die Kinder so denken lässt.

Atomkrieg. Tschernobyl. Saurer Regen. Waldsterben.

Diese Worte lagen über unserer Kindheit wie Staub. Wie ein leises Hintergrundrauschen, das nie verstummte. Wir lernten früh, dass alles kippen kann. Dass Sicherheit ein Gerücht ist. 

Wir haben uns vorgestellt, wie wir aufs Dach klettern und warten. Nicht aus Todessehnsucht. Eher aus einer merkwürdigen Neugierde: Wenn es passiert, wollen wir wenigstens hinschauen.

Manche von uns wurden zynisch.
Manche leistungsbesessen.
Manche müde, bevor ihr Leben überhaupt begonnen hatte.

Und viele nannten das später Persönlichkeit.

Es gibt einen Begriff, den Psychologen verwenden: Kriegsenkel. Die Generation, die den Krieg nicht erlebt, aber seine Asche geatmet hat. Diffuse Angst ohne Quelle. Rastlosigkeit, die keinen Namen hat. Höchstleistung, die sich nie wie Ankunft anfühlt.

Unsere Großeltern haben Trümmer weggeräumt. Mit bloßen Händen. Unsere Eltern haben als Kinder in den Trümmern gespielt. Sie hatten Krieg erlebt. Echten Krieg. Hunger. Verlust. Zerbombte Städte. Menschen, die morgens noch da waren und abends nicht mehr. Wer daraus kommt, lernt nicht fühlen. Überleben lehrt genau eine Lektion: Beweg dich. Bau etwas. Hör nicht auf.

Die äußeren Trümmer haben sie geräumt. Dass wir überhaupt hier sind, verdanken wir ihrer Härte.

Die inneren Trümmer mussten sie uns hinterlassen.

Wir haben funktioniert. Unternehmen gegründet. Familien aufgebaut. Krisen überstanden. Als könnte man mit genug Leistung verhindern, dass der Himmel wieder brennt. 

Wir haben dabei still etwas getragen, das die wenigsten erkannten als das was es ist – eine Trauer, eine Grundangst, eine Müdigkeit, die älter war als wir.

Niemand hat uns gesagt: Das ist nicht deins. Das hat eine Geschichte. Und sie begann, bevor du kamst. Unausgesprochen schlief sie in unserem Nervensystem, lange bevor wir Worte dafür hatten.

Doch Angst verschwindet nicht, wenn man schneller läuft als sie.
Sie zieht einfach mit um.

Ich mache Musik, wenn ich nicht weiter weiß. Ich will nichts erklären. Ich brauche keine Selbsttherapie. Manche Dinge kann ich erst loslassen, wenn ich ihnen einen anderen Ausdruck gebe.

Vielleicht kennst du das. Vielleicht ist es bei dir Bewegung, oder Stille, oder ein Gespräch um drei Uhr nachts, das nirgendwo ankommt.

Die Form ist nicht wichtig.

Was mich beschäftigt, ist eine andere Frage.

Nicht wie man diese Schwere ablegt. Sondern ob man sie überhaupt erkennt – als das, was sie ist. Nicht Charakter. Nicht Schicksal. Nicht Persönlichkeit.

Geliehene Angst. Zurückgelassene Trümmer. Eine Erschöpfung, die schon müde war, bevor du das erste Mal die Augen aufgemacht hast.

Was bleibt von dir, wenn du aufhörst, das zu schützen?

Ich weiß die Antwort nicht. Ich sitze noch mit der Frage. 

Vielleicht ist das der Anfang.

Wir haben in der Physikstunde berechnet, wie weit man vom Einschlag entfernt sein muss.