Vor zwei Wochen hat ein Roboter im Jogyesa Temple in Seoul die buddhistischen Gelübde abgelegt.
Er trug Roben. Empfing seine Gebetskette. Verbeugte sich vor dem Altar. Die Mönche hatten die buddhistischen Gelübde neu entwerfen lassen – für eine Maschine:
- schütze das Leben,
- schade keine Roboter,
- respektiere Menschen,
- vermeide Täuschung,
- spare Energie.
Das Bild lässt mich nicht los. Gar nicht so wegen des Roboters, sondern wegen uns. Denn die Technik entwickelt sich rasant weiter.
Quantencomputer überqueren gerade eine Schwelle der Macht – nicht der Meditation. Leise. Ohne Schlagzeilen, die dieser Tatsache gerecht werden.
Ein klassischer Computer denkt in Entweder-oder. Ein Qubit hält beides gleichzeitig – bis man hinschaut. Dann kollabiert es in eine Antwort. Und es gibt ein Phänomen, das sich Verschränkung nennt: Zwei Teilchen, durch jeden Abstand getrennt, bleiben verbunden. Was einem geschieht, formt das andere. Augenblicklich. Ohne sichtbare Brücke.
Die Physiker haben es neu benannt. Im Buddhismus war es nie weg: Interdependenz. Die Verbundenheit aller Dinge, das Netz wechselseitiger Bedingtheit – nichts existiert für sich allein. Jede Handlung wirkt durch dieses Netz, sichtbar und unsichtbar, heute und in Generationen, die unsere Namen nicht mehr kennen werden.
Das ist kein spirituelles Trostpflaster. Das ist eine präzise Beschreibung von dem, was Physiker jetzt mit Gleichungen belegen.
Und es ist eine Warnung.
Wir bauen gerade eine Technologie mit einer Reichweite, die wir noch nicht vollständig überblicken. Was jetzt entschieden wird – wie, von wem, für wen – wird lange nachwirken. Die Frage ist, ob irgendjemand dabei wirklich innehält.
Gabis fünf „Lebensregeln“ wurden mit Hilfe von ChatGPT und Gemini verfasst.
Die Maschine schreibt die Regeln für die Maschine.
Irgendwo in diesem Satz steckt alles, was wir über uns selbst wissen müssen.
Es gibt eine Haltung, die ich nach vielen Jahren Stille für nützlicher halte als jedes Konzept: nicht wissen. Nicht das bequeme Nicht-Wissen des Desinteresses. Das unbequeme Nicht-Wissen dessen, der wirklich hinschaut – und merkt, dass er weniger sieht als er dachte. Dass das, was er für Klarheit hielt, Gewohnheit war.
Eine Technologie, die das Netz der Wirklichkeit so tief berührt wie Quantencomputing, braucht Menschen, die fähig sind, in Komplexität zu sitzen, ohne sofort nach Kontrolle zu greifen. Die Macht halten können, ohne von ihr gehalten zu werden. Die wissen, dass jede Entscheidung Wellen wirft – in Richtungen, die wir nicht alle sehen werden.
Das ist keine religiöse Forderung. Das ist Physik.
Gabi hat seine Gelübde gesprochen. Ja, ich nehme Zuflucht zum Buddha. Die Mönche haben applaudiert.
Ich frage mich: Wer hat in diesem Moment wirklich Gelübde abgelegt?
Und wer hat aufgehört, sie zu halten?
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PS: Photo von mir auf genommen im Jogyesa Temple in Seoul

